Vianden im letzten Jahrtausend

Das Stadtbild von Vianden im Rahmen der Ortsgeschichte

(vom 10. Jahrhundert bis etwa 1850)

 

Im  Mittelalter war “Stadt” jeder befestigte und mit einer Burg versehene Ort, der als Merkmal ökonomischer Natur das Marktrecht und als Kennzeichen politischer Natur eine eigene Verfassung besass. Die Burg und der Befestigungsgürtel sind dabei das Primäre gewesen; das Marktrecht und das Recht der persönlichen Freiheit sind als sekundäre Attribute hinzugekommen.

In Dokumenten von 1256, 1261 und 1270 wird Vianden als “Stadt” bezeichnet. Wir dürfen also annehmen, dass der Ort damals schon Stadtrang besass, aber noch nicht das Stadtrecht genoss. Letzteres wurde erst mit dem Freiheitsbrief von 1308 gewährt.

Siedlungskern war die Burg. Ihre Anfänge gehen auf das 10. Jahrhundert zurück. Das Sicherheitsbedürfnis in jener pulverlosen Zeit zwang die Bewohner der Umgegend dazu, ihre Behausungen an den Fuss des Schlossberges zu bauen, und zwar an die Südseite rechts und links des von Westen nach Osten zur Our hinabsinkenden Taleinschnitts. Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt umgürtelte dann der Graf die Ansiedlung mit einer Ringmauer, wobei auf die räumliche Verbindung mit der Burg trotz des erheblichen Niveauunterschiedes geachtet wurde.

So entstand die Altstadt, auch Oberstadt benannt. Sie bestand im Grunde genommen aus einer einzigen gestreckten Ellipse bildend, steil zur Our abfallenden Straβe.

Allmählich wurde der Raum innerhalb der Ringmauer zu eng. Immer mehr Bewohner des flachen Landes zog es nach der Stadt, einmal des Schutzes wegen, dann aber auch,weil das Verbleiben in der Stadt das Hörigkeitsverhältnis löste, falls der Herr den Verzogenen nicht binnen Jahresfrist zurückverlangte : “Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag”. Die Häuser wurden dicht einandergedrängt und durchwegs klein gebaut; und das verfügbare Gelände

wurde so sorgfältig ausgenutzt, daβ fast kein Raum für öffentliche Plätze blieb. Bis man schlieβlich gezwungen wurde, auf dem linken Ufer der Our zu bauen. So wuchs nach und nach zu einem ebenfalls nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt jedenfalls vor 1250 eine Ansiedlung heran, die auβerhalb der Ringmauer gelegen und von der Stadt durch den Fluss getrennt war, die aber wahrscheinlich von Anfang an der Stadt unterstellt gewesen und später unmittelbar in diese aufgenommen worden ist.

So entstand die Neustadt oder Unterstadt, in den alten Akten stets Vorstadt genannt. Während der Name “Vorstadt” sich früher auf das ganze neue Viertel bezog, bezeichnet er heute nur noch einen Teil dieses Viertels und zwar die von der Brücke bis zur Apotheke führende Haupstraβe.

Die Ringmauer nahm ihren Anfang neben dem ersten Burgtor, fiel dort jäh zu Tal bis etwas oberhalb des Souveniergeschäftes Hansen-Mortier, stieg, einen stumpfen Winkel bildend, wieder hoch bis zum oberen Stadttor am Ausgang der heute Alte Gasse genannten damaligen Hauptstraβe, “Op dem Pawä” , um dann im Halbkreis um die ganze Südseite der Stadt bis zur Brücke abzufallen. Ein zweiter Teil der Stadtmauer begann ebenfalls an der Burg und zwar an deren nordöstlicher Mantelmauer, lief von dort steil in Richtung Hockelsley hinab, ohne aber bis zur Brücke vorzustoβen und mit der Halbkreismauer um die Stadt einen geschlossenen Ring zu bilden.

Die Ringmauer war mit Flankierungstürmen verknotet, die in unregelmässigen, durch die Verteidigung vom Gelände her bedingten Abständen voneinander standen. Ein in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrter “Plan de la Ville et du Chasteau de Vianden” , der in der unteren rechten Ecke das Lilienwappen der Bourbonen zeigt und wahrscheinlich aus der Zeit um 1680 stammt, als Vianden von den Franzosen unter General Boufflers bombardiert und anschliessend besetzt wurde, beweist, dass es entgegen anderen Angaben zwanzig solcher Türme gegeben hat, und zwar einen quadratischen, 15 halbrunde und 4 vollrunde. Die halbrunden Türme waren nach der Stadtseite zu offen, damit sich die Eroberer nicht im Innern derselben verschanzen konnten. Die fünf Volltürme hingegen waren mit einer Wachtstube im Obergeschoss versehen.Jeder hatte seinen Namen, den wir aus den Rechenschaftsberichten der gräflichen Rentmeister aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und aus Handschriften im Gemeindearchiv kennen.
Der viereckige Pulverturm (1) , der als städtische Pulverkammer diente, hat im unteren Schank als Verstärkung des vom ersten Burgtor herablaufenden Ringmauerteils gestanden.
Der Geeselturm (2) stieβ nahe bei der Oberpforte an die frühere Hauptlandstraβe “Geessel” (Gässchen) an. Der Huasebuërturm (3) lag amHang über dem Quellbrunnen dieses Namens und hat bis zur französischen Revolution der Stadt als Gefängnis gedient. Der Kautschenbergturm (4) stand in der Nähe des Brückentors, und der Verlorenkost (5) diente der Flankensicherung der den Schlossgarten und die Hockelsley abschirmenden Mauerstrecke. Das heute verschwundene Ringmauerstück, das vom Verlorenkost in Richtung Hockelsturm lief, hatte nur eine Länge von 225 Fuβ, d.h. 66 Meter. Der gröβte und mächtigste Verteidigungsturm, der Hockelsturm (6), wurde erst 1603 von Grund auf an einer Stelle gebaut, wo vorher kein anderer Turm gestanden hatte.

Die Ringmauer reichte bis etwa zur halben Höhe der Türme, und von einem dieser Türme wissen wir aus den Angaben des Augenzeugen Dr. Neyen, dass er ab dem Erdboden 14,60 Meter hoch gewesen ist. Die Mauer muss also eine Höhe von 7 bis 8 Metern gehabt haben.

Auf der Höhe der Ringmauer waren – wahrscheinlich hölzerne, auf Trögern ruhende -Laufgänge angebracht, auf welchen man sich von Turm zu Turm bewegen konnte. Der Auf- und Abstieg erfolgte bei den Türmen entweder mittels Leitern oder über Treppen, wie beispielsweise beim Obertor. Der Auβenseite der Ringmauer entlang lief ein Wallgraben, dessen Spuren noch zu Beginn unseres Jahrhunderts zu erkennen waren.

Die Vorstadt war ebenfalls umwehrt, aber nicht ummauert. Die Umwallung bestand aus Erd- und Pfahlwerk und aus Gräben, an welche noch der Name “am Gruaf” erinnert, der bis vor kurzem sowohl für den Weg vom Hôtel Clees bis zur Our als auch für die Einbahnstraβe von der Sesselliftstation bis zum Ourwehr verwendet wurde. Diese beiden Seitengräben bildeten mit den Ufern der Our und mit dem Graben hinter den Häusern der Iéwescht-Ä (rue du Sanatorium) einen geschlossenen Ring, dessen strategische Bedeutung aber so gering war, dass er in dem genannten ” Plan de la Ville et du Chasteau de Vianden” aus dem 17. Jahrhundert nicht einmal eingezeichnet ist.

Ursprünglich ist Vianden, das aus einem einzigen Straβenzug bestand,eine Zweitorstadt gewesen. Durch das Obertor, das am Ende der heute “Juck” genannten ehemaligen Hauptstraβe “op dem Pawä” gestanden hat – es stünde heute seitlich der Jugendherberge -, musste man schreiten, wenn man sich nach Hosingen oder über die “Geessel” via Walsdorf und Marxberg nach Diekirch begeben wollte. Die Toranlage bestand aus dem Torturm und einem angegliederten ebenfalls mit einer Pforte versehenen Vorwerk in Form von Parallelmauern. Diese letzteren erleichterten mit ihren geschützten Laufpfaden den Beschuss des durch die Vorwerkpforte eingedrungenen Feindes, und erschwerten wesentlich das Rammen der beiden andern Pforten, der Turmpforten. Das weitaus wichtigste Stadttor aber war das Unter– oder Brückentor nicht nur weil fast das gesamte Grafschaftgebiet jenseits der Our gelegen war, sondern auch und besonders weil die Viandener Brücke in alter Zeit von der Quelle der Our bis zu ihrer Einmündung in die Sauer bei Wallendorf die einzige befahrbare Brücke gewesen ist. Das Brückchen von Stolzemburg war nur anderthalb Meter breit und konnte ebenso wie das von Eisenbach nur von Fuβgängern und von Tieren ohne Gefährt benutzt werden. Die Brücke hatte bis 1732 nur einen einzigen Bogen und zwar zur Seite der Vorstadt, während zur Seite der Oberstadt eine Zugbrücke angebracht war,die vom Torturm aus mittels einer Kettenwinde bewegt werden konnte. Zusätzlich zur Zugbrücke war das Tor mit zwei Fallgattern versehen.

Das Obertor und das Brückentor sind als die Haupttore auch die einzigen Turmtore gewesen. Nach und nach sind aber weitere vier Pforten sowie ein Pförtchen hinzugekommen, die ihren Namen von den Nachbarorten oder den Ortsteilen trugen, zu denen sie unmittelbar hinführten. Es waren dies die Altenmarktspforte links, und die Hommerichtspforte rechts des Brückentors; dann die Rotherpforte am Wege nach Roth in der Nähe des heutigen Hôtel Clees; und schlieβlich die Ro’upeschpforte am Weg nach Bauler über den “Ro’upeschberg” (heute “Boussebärig”,) bei den heutigen Häusern Weydert-Werthessen bzw. Dr Klein.

Die jüngste Maueröffnung ist das “Neupförtchen“, gewesen gelegen am sogenannten “Neiewé” der vom früheren Marktplatz (beim Kreuz) zur Ringmauer führte. Es unterliegt keinem Zweifel, dass es sich sowohl bei der Hommerichtspforte als auch beim Neupförtchen — man beachte das Diminutiv! -, die nicht an einem zu einer Ortschaft führenden Weg gestanden haben, nur um sogenannte “Posternen” gehandelt hat, deren einziger Zweck es war, den Eigentümer der jenseits der Mauer gelegenen Gärten und Wiesen den Umweg über ein Tor zu sparen.

Vianden ist also durch Erweiterung zu einer zweigeteilten Stadt mit einer verbindenden Brücke herangewachsen. Das Sonderbare daran ist der Umstand gewesen, dass das Haupttor der Stadt mit dem davorstehenden Schlagbaum nicht an der Stadtgrenze, sondern zwischen dem unteren und dem oberen Teil ein und derselben Stadt gestanden hat.

Die Oberstadt ist als erste dagewesen. Sie blieb daher, “die Stadt” schlechthin, die eigenliche Stadt, in den Pfarrbüchern stets die (lat.) “urbs” genannt. Die Unterstadt ist hinzugekommen und hat bis über die Feudalzeit hinaus immer den Charakter eines Anhängsels behalten. Sie blieb allzeit die “Vorstadt”, das “suburbium”. Das ist so wahr, dass im Falle einer Verbannung durch das Hochgericht der vom Gerichtskreuz bis zum Brückentor herabgeführte Verurteilte, indem er die Brück überschritt, das Stadtgebiet de jure verlieβ, obwohl er sich de facto innerhalb der Pforten der Unterstadt befand.

Es kann daher nicht wundernehmen, dass sämtliche öffentlichen und halb öffentlichen Gebäude in der Oberstadt gestanden haben.

In der Altstadt befand sich selbstverständlich der Marktplatz, auf welchem die zahlreichen und bedeutenden Wochen- und Jahrmärkte abgehalten wurden und wo die durch Trommelschlag einberufenen Volksversammlungen stattfanden. Auf dem Marktplatz

Stand das Rathaus mit seiner überwölbten, offenen Markthalle im Erdgeschoss und dem darübergelegenen Schöffen- und Gerichtssaal. Auf diesem Hauptplatz ragte auch seit 1308 zwischen Pappeln das Freiheits – oder Justizkreuz, von dessen “Predigtstuhl” herab dem Verbrecher das Urteil verkündet wurde; und nicht weit davon entfernt stand der Pranger oder “Lumpenring”, an welchem gekettet der Verurteilte als abschreckendes Beispiel zur Schau gestellt wurde.

Vianden war Sitz eines Adels- oder Rittergerichts, dessen Aufgabe es war die unter den Edelleuten wegen adeliger Lehnsgüter entstandenen Streitigkeiten zu schlichten, und ein jeder der sieben “Burgmänner” genannten Beisitzer dieses Gerichts bewohnte eines der sogenannten “Adeligen Häuser” oder Burghäuser, die sich von den Patrizierhäusern dadurch unterschieden, dass sie mit einem Türmchen und mit Eisengittern versehen waren. Alle sieben Burghäuser waren in der Oberstadt gelegen und von fünf derselben ist uns der Standort noch bekannt : das sogenannte “Petgeshaus”, (heute Musée d’art rustique); das auf dem früheren Marktplatz gelegene Haus Settani mit der erst 1980 renovierten schönen Renaissance-Fassade von 1605; das heutige Hôtel Bingen; das heutige Geschäftshaus Roger-Kirsch und das diesem gegenüber stehende jetzige Hôtel de Ville. An der Hinterseite des Hauses Settani ist das Adelstürmchen noch deutlich zu erkennen; am Haus Bingen ist es noch vollständig erhalten; und das heutige Rathaus ist nichts anderes als das umgeformte Adelshaus derer von Ziewel.

Sogar von den sieben Brunnen der Stadt lagen deren fünf in der Oberstadt; der “Huasebuër” der einzige Quellbrunnen des Orts, sprudelte sein Wasser in der Alten Gasse unterhalb des Turms , der seinen Namen trägt; ein zweiter befand sich auf dem Marktplatz beim Hochgerichtskreuz; der dritte ragte nur wenige Meter unterhalb des damaligen Kirchhofs der Oberstadt (beim Hôtel Bingen) in die Gasse hinein und sorgte dort für einen Engpass ebenso wie der vierte, der in der Mitte der heutigen Straβentrasse zwischen den Häusern Besseling und Café Heger gelegen war. Der fünfte Brunnen stand in dem zur Oberstadt gehörigen Altenmarkt. Die Vorderstadt hingegen verfügte nur über zwei Brunnen, wovon der eine bei der heutigen “Veiner Stuff” und der andere auf dem Bechel beim Hause Weny gestanden hat.

In der Oberstadt hat schlieβlich auch das Armenhospital gestanden (an der Stelle der heutigen Häusern Wolff und Vinandy gegenüber der Pfarrkirche), welches Graf Heinrich I anfangs der vierziger Jahre des 13. Jahrhunderts hatte erbauen lassen.

Obwohl die Bewohner der Unterstadt genau die gleichen bürgerlichen Rechte wie diejenigen der Oberstadt besassen, ist doch die Vorstadt als Stadtteil faktisch nie der Oberstadt ebenbürtig gewesen und eher als eine Nebenstadt betrachtet worden. Diese Sonderstellung wurde besonders deutlich bei Gelegenheit des Streites zwischen den geistlichen Tempelrittern des benachbarten Roth einerseits und den 1248 vom genannten Grafen Heinrich I. nach Vianden in sein Hospital berufenen Trinitariermönchen andererseits. Bis 1256 ist Vianden, das damals noch keine Kirche besaβ, der Templerpfarrei von Roth angegliedert gewesen. Als

nun die Trinitarier gleich 1248 daran gingen, auf dem geräumigen Platz ihrem Hospital gegenüber eine Kirche mit Kloster und Kirchhof zu errichten, entbrannte zwischen ihnen und den Templern ein Streit, den der Erzbischof von Trier 1256 dahingehend schlichtete, dass die Unterstadt bei Roth verblieb, die Oberstadt aber als selbständige Pfarrei den Trinitariern zugeteilt wurde, und zwar zuerst mit der Schlosskapelle, dann ab 1266 mit der Trinitarierkirche als Pfarrkirche.
Dieser Trierer Schieds- und Machtspruch zwang die Templer dazu, für den Bedarf der unzufriedenen Unterstädter nächst der Pfarrgrenze (bei der Brücke) eine kleine Kirche zu errichten, die anfangs “capella militum” (Soldaten- oder Ritterkapelle ) genannt wurde, 1312 aber den Namen Nikolauskirche erhielt und im Viandener Sprachgebrauch vorzugsweise als “Virstaadtskiirich” bezeichnet wird. So hatten denn die Oberstädter ihr schönes, geräumiges Gotteshaus mitten im Ort,während die Bewohner der Vorstadt mit einer Kapelle mit offenem Dachstuhl vorlieb nehmen mussten, in welcher zwar der Sonntagsgottesdienst gehalten wurde, deren Vorhandensein sie aber nicht davon entband, an hohen Feiertagen, zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten usw. wie auch zu Kindstaufen, zur Erstkommunion und bei Hochzeiten, zur Kirche nach Roth zu wandern, ebenso wie sie die Leichen ihrer Verstorbenen zum Rother Gottesacker fahren mussten.

Auch die 1761 erbaute Sodalitätskapelle steht in der Oberstadt.

Die Abwässer der Oberstadt wurden in einem vom Schankerbach gespeisten, gemauerten Stadtkanal aufgefangen, der linkerhand der steilen Straβe und gröβtenteils unterirdisch zur Our abfiel. Offene Stellen als Waschplätze gab es beim Hause Gillen Johann Eduard, auf dem Marktplatz beim Kreuz und im sogenannten “Hintersten Loch” hinter der Metzgerei Wolter.

Offene, stinkende Strecken verliefen von unterhalb der Sodalitätskapelle bis oberhalb des heutigen Rathauses und wieder von unterhalb des Rathauses bis zur Our in jenem Ortsteil, der deshalb heute noch “Op der Baach” geheiβen wird, obwohl der Kanal längst zugebaut ist.

Sowohl die Oberstadt als auch die Unterstadt waren seit etwa dem 14. Jahrhundert bepflastert. In der Mitte des Straβenpflasters (Pawä) befand sich eine etwa 30 Zentimeter tiefe Hauptrinne, in der Amtssprache von 1810 “écoulement général et principal” genannt, zu welcher schräg von den meisten Privathäusern ausgehend Nebenrinnen (“écoulements particuliers”) führten. Dieses Netz von Rinnen diente dem Zweck, bei strömendem Regen oder Gewittern das Wasser von den vielen in die Straβe hineinragenden Hauskellern abzuhalten. In der Oberstadt diente die Hauptrinne darüber hinaus der Brandbekämpfung.

Im Ort genannt “Schooss”, an der Stelle, an welcher der von der Schlossburg herabkommende Weg in die steile Straβe nach Hosingen einmündet, befand sich ein vom Schankerbach gespeister Bürgerweiher, der als Brandweiher angelegt worden war, aber auch als Straβenreinigungsweiher benutzt wurde.
Dieses nur einseitig gemauerte, sonst aber mit Erdwällen umgebene Wasserbecken war nämlich mit zwei Schleusen versehen, deren eine dem normalen Abfluss des Schankerbaches in den Stadtkanal diente, während die andere es ermöglichte, das Wasser unter dem Obertor hindurch in die heutige Alte Gasse und damalige Hauptstraβe (“Op dem Pawä”) abzuleiten. Im Falle einer Feuersbrunst wurde diese zweite Schleuse teilweise geöffnet und zwar so weit, als das Wasser nur die sich in der Mitte des Pflasters befindende Hauptrinne füllte, in welche die Löschhelfer dann an der Brandstelle ihre biegsamen Ledereimer legten und füllen lieβen. Sollte aber die Straβe der Oberstadt von dem von den Bürgern einfach zum Fenster hinausgeworfenen Unrat gereinigt werden, was etwa zweimal im Jahr geschah, lieβ die Stadtverwaltung die Schleuse voll öffnen. Das sich in die steil abfallende Gasse ergiessende Weiherwasser wurde dann zum Sturzbach, der in seinem rasenden Lauf ausser grossen Steinen ziemlich alles mit sich riss. Nun kehrten die Bürger mit ihren Reisig-, Stroh-und Ginsterbesen kräftig nach in Richtung der Hauptrinne oder der offenen Stellen des Kanals, und der gesamte Unrat ergoβ sich schlieβlich in die Our. Das in die Keller eindringende Wasser nahm man bei diesen relativ seltenen Säuberungen mit in Kauf.

Von 1775 bis etwa 1850.

Am uralten Stadtbild von Vianden ist im Verlauf der jüngeren Ortsgeschichte viel zertrümmert, amputiert und lädiert worden. Während annähernd 75 Jahren, von 1775 bis 1850, ist Vianden ein groβer Steinbruch gewesen. Bereits in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts war die Ringmauer an mehreren Stellen zusammengebrochen. Anno 1776 wurden die fünf Volltürme des Umfassungsgürtels an den Meistbietenden versteigert und im Anschluss daran der Kautschenbergturm bei der Brücke und der Pulverturm im unteren Schank dem Erdboden gleich gemacht. Das Rathus auf demMarktplatz war 1793 teilweise eingestürzt und die durch Trommelschlag zur Bürgerversammlung herbeibefohlenen Einwohner hatten sich geweigert, die Kosten des Wiederaufbaus zu tragen. Das Kloster wurde schon bald nach der Auflösung (1783) als Weberei benutzt und nach und nach teils abgerissen, wie der Kreuzgang, teils zu Privatwohnungen umgebaut wie beispielsweise das Hospital. Ähnlich erging es den Häusern der Beisitzer des Adelsgerichtes, den sogenannten Burghäusern. Im Jahre 1820 verhängte der damalige “Graf von Vianden” (König-Grossherzog Wilhelm I.) über seine Viandener Schlossburg das Todesurteil (Verschenkung an den holländischen Staat mit anschliessender Versteigerung), das ein Viandener Henker (Ansteigerer) dadurch vollstreckte, dass er den Bau in seine Bestandteile zerlegte und diese nach Mass und Gewicht zum Kauf anbot. Von den Stadttoren verschwand als erstes die “Ro’peschpforte” in der Oberstei. Anfang 1835 kam es zur “démolition de 1a porte extérieure du faubourg”, der Rotherpforte. Im Mai 1844 wurde das Dachwerk des Brückentors versteigert und 1850 verschwand mit der Oberpforte das letzte Viandener Stadttor. Von den sieben Brunnen der Stadt blieb 1869 beim Bau der ersten Wasserleitung zeitweilig nur der Vorstadtbrunnen verschont, um dessen Verschönerung willen man noch 1832 das Freiheitskreuz um einen Teil seiner Säule verkleinert hatte. Die wohl umfassendste Veränderung erlitt das Stadtbild aber in den Jahren 1846 /47, als beim Bau der neuen Staatstraβe nach Diekirch auch die an zahlreichen Engpässen krankende Stadtstraβe begradigt und tiefergelegt werden musste, und die frühere Hauptstraβe “op dem Pawä” zur “alten Gasse” erniedrigt wurde.
Eine ziemlich breite Bresche wurde damals in die Ringmauer geschlagen, zwei Halbtürme wurden abgebrochen und das Freiheitskreuz wurde eingerückt, und unzählige Auβentreppen durch Innentreppen ersetzt.

In der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind dem Stadtbild von Vianden keine neuen Wunden mehr von Menschenhand geschlagen worden. Nur Eis, Schnee und Regen haben an den Ruinen weitergenagt. Die betreffenden hundert Jahre sind mit Bezug auf die Viandener Altertümer zwar eine Zeit der vagen Ehrfurcht, sonst aber eine Epoche der völligen behördlichen Untätigkeit gewesen.

Erwähnen wir abschliessend, dass die 1825 auf dem heutigen Rathausplatz errichtete Knabenschule, das 1860 nach dem Plan des damaligen Distriktsarchitekten Charles Arendt auf dem Klostergelände erbaute Stadthaus, und die 1865 erbaute Ourbrücke, welche diejenige von 1732 ersetzte, die einzigen im Verlauf des 19. Jahrhunderts getätigten öffentlichen Neubauten gewesen sind. Die Knabenschule, das Stadthaus und die Brücke wurden während der Ardennen-Offensive total zerstört.

(Pierre Bassing in “Ous der Veiner Geschicht” No 1 von 1983)